Upcycling-Guide für Hanf-Canvas und andere strapazierfähige Stoffe
Jede Arbeitshose hält irgendwann den Belastungen nicht mehr stand – meistens geben die Knie zuerst auf. Doch statt die Hose zu entsorgen, kannst du daraus ein praktisches neues Teil nähen: eine langlebige Werkzeugtasche für Garten, Werkstatt oder Baustelle.
Das funktioniert besonders gut mit Hosen aus Hanf-Canvas, aber auch andere feste Stoffe eignen sich wunderbar. Naturfasern sind leichter zu verarbeiten als Kunststoffe.
In diesem Beitrag zeige ich dir Schritt für Schritt und anfängerfreundlich, wie du eine Werkzeugtasche aus einem abgeschnittenen Hosenbein arbeitest. Unten findest du Anleitung incl. Zeichnungen als Bild zum download.
Historisch im 18/19. Jahrhundert galt im Alltag: Nichts wurde weggeworfen. Jedes Kleidungsstück wurde so lange repariert, umgearbeitet oder zerschnitten, bis buchstäblich nichts mehr übrig war. Unten findet ihr mehr Infos „wie es früher war“.
Arbeitsanleitung/ Was du brauchst
- eine alte Arbeitshose
- Schere oder Rollschneider
- Nähmaschine & Garn
- Lineal oder Handmaß
- Textilkreide
- evtl. Stecknadeln oder Klammern
Schritt-für-Schritt-Anleitung Werkzeugtasche (s. Ende)
1. Hosenbein abtrennen
Schneide das Bein oberhalb der Knietasche ab. So bleibt genug Material für die spätere Werkzeugtasche erhalten.
2. Stoffstreifen für die Gürtelschlaufen schneiden ( 2 x 6*20 cm)
Aus dem abgeschnittenen Stück schneidest du einen 6-cm-Streifen heraus – der wird später zu stabilen Gürtelschlaufen verarbeitet
3. Offene Kante umnähen
Am großen Reststück (dem zukünftigen Taschenkörper) nähst du die offene, frisch geschnittene Kante 2x einschlagen und an der Kante absteppen.
Das macht die spätere Außenseite ordentlich und stabil.
4. Gürtelschlaufen arbeiten
Die zwei 6-cm-Streifen arbeitest du jetzt zu Schlaufen:
- kurze Kanten aufeinanderlegen
- Längskante zusammennähen
- Schlaufen wenden
- Nähte mit den Fingernägeln herausarbeiten
- wer mag: Kanten knappkantig absteppen
- Schlaufen mit schmaler Seite oben festnähen an Außenseite Tasche, dann umklappen, auf Tasche festnähen, ohne Innentasche anzunähen
So entstehen robuste Schlaufen für den Gürtel oder für Karabinerhaken
5. Innentasche formen
Dreh das Hosenbein auf links. Die beiden Längsnähte sollen nicht exakt übereinanderliegen – das spart Dicke an den Nahtstellen.
Zeichne deine Nahtlinie an. Achtung: Nahtlinie ist 2 cm verschoben zur Saumkante ohne Gürtelschlaufen. Linie einfach absteppen.
Jetzt stülpst du die längere Seite über die Kürzere, die Gürtelschlaufen befinden sich außen.
6. Unterteilung für Werkzeuge setzen
Jetzt bekommt die Innentasche Struktur:
- Überlege, welche Werkzeuge du transportieren willst: Messer, Gartenschere, Zollstock etc.
- Kurze Werkzeuge brauchen kürzere Unterteilungen
- Die abgesteppten Unterteilungen gehören an die Körperseite – also dorthin, wo bereits die Gürtelschlaufen sitzen
- Bei den Gürtelschlaufen aufpassen, dass du sie nicht nochmal festnähst
- Die Nähte von innen setzen, das gibt ein schöneres Ergebnis
Finale Arbeiten
Fast geschafft! Jetzt nähst du die 2 vorderen Stofflagen quer aufeinander für mehr Stabilität.
Zum Schluss alle überstehenden Fäden entfernen – fertig ist deine neue Werkzeugtasche.
Ergebnis
Du hast jetzt eine robuste, nachhaltige Tasche, die perfekt an deinem Gürtel sitzt und deine wichtigsten Werkzeuge griffbereit hält – und das komplett aus Material, das sonst im Müll gelandet wäre.
Diese Art Upcycling zeigt, wie langlebig Hanf-Canvas ist: Selbst, wenn die Knie durch sind, steckt im restlichen Stoff noch richtig viel Potenzial.

Weitere Nutzung deiner alten Hose
- Du machst eine Short aus der Resthose, das funktioniert mit Bundhose oder Latzhose. Im heißen Sommer mögen manche von euch eine Latzshort, z.B. auf dem Traktor.
- Reparaturflicken für andere Kleidung, kleine Umhängetasche/ Crossbody-Bag, Kniekissen fürs Gärtnern, Stifte-, Messer- oder Pinselrolle, Bestecktasche für Camping & Festivals, Lunch-Bag, Hundespielzeug (Ziehknoten), Organizer für Auto
- Wenn alle Upcycling Projekte erledigt sind, schneidet Putzlappen für Fahrrad oder Auto. Und im Anschluss können reine Naturfasern auf den Kompost. Entferne vorher evtl. Knöpfe, Reißer oder Nahtstellen, da diese nicht kompostieren.
Wie Stoffe historisch wiederverwendet wurden

1. Kleidung war wertvoll
Im 18. und frühen 19. Jahrhundert zählten Stoffe zu den teuersten Gütern im Haushalt.
Darum war es üblich, Kleidungsstücke mehrfach umzunähen, zu erweitern, zu kürzen oder komplett zu zerlegen und neu zusammenzusetzen.
Beispiel: Ein Herrenrock konnte zu einer Weste werden, ein Damenkleid wurde für die nächste Generation umgearbeitet. 1
2. „Remake Fashion“ war normal, nicht Ausnahme
Second-Hand-Kleidung bildete einen eigenen Handelszweig. Alte Kleidung wurde gesammelt, gereinigt, umgeschneidert und wieder verkauft. Das betraf sowohl Alltagsmenschen als auch Wohlhabende – selbst am Hof wurden Kleider überarbeitet, um modisch zu bleiben. 2
3. Kaputte Textilien wurden zu Haushaltswaren
Wenn ein Stoff nicht mehr schön genug für Kleidung war, bekam er ein zweites Leben:
- Putzlappen
- Bett- und Kissenfüllungen
- Schürzen oder Unterwäsche
- Kinderkleidung
Viele Arbeiter*innen und Haushalte führten sogar Listen, welche Stücke wofür weitergenutzt wurden. 3
4. Stoffreste gingen an die Papiermühlen
Alte Leinen- und Baumwolltextilien waren im 18. und frühen 19. Jahrhundert ein wichtiger Rohstoff für Papier. Bis zur Industrialisierung wurde Schreibpapier überwiegend aus „Hadernpapier“ hergestellt – also aus zerfaserten alten Textilien. 4
5. Industrielle Wiederverwertung ab Mitte des 19. Jahrhunderts
Mit der Mechanisierung entstanden neue Verfahren, z. B.:
- Shoddy/Wool Reprocessing: Zerfasern alter Wollstoffe und Wiederverarbeitung zu neuem Garn.
- Mungo-Produktion: Noch feinere Zerfaserung von Wollresten.
Diese Techniken kamen in England, später auch in Deutschland groß raus und galten als frühe Form des industriellen Recyclings.5
6. Textilarmut als Treiber der Kreativität
Jedes Kleidungsstück wurde so lange repariert, umgearbeitet oder zerschnitten, bis buchstäblich nichts mehr übrig war.



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