Meine kleine Schwester will mit mir ein Projekt starten

Der Anruf meiner Schwester kommt ohne Vorwarnung mitten in der Pandemieflaute: Willst Du mit mir ein Projekt machen? Achtung: ist leider unsexy. Es geht um Arbeitshosen.

Sie wollte endlich mal eine Hose, die passt. Auf einen Frauenkörper zugeschnitten. Und trotzdem bequem, cool, lässig, chic, casual, strapazierfähig.

Es waren zu viele Jahre der Suche nach Arbeitskleidung für eine Frau in Männerabteilungen. Der Wunsch war verständlich. Ach ja, es muss eine nachhaltige Hose werden, das ist leider die kleine Randnotiz. Sie hatte einfach keine Lust mehr auf Männerhosen aus Plastik, die am besten noch einen nachhaltigen Namen tragen wie „organiQ“ mit „Q“ oder so ein Quatsch. Zuviel greenwashing, wo man hinschaut. 

Die Liste mit den Anforderungen:

  • nachhaltig
  • möglichst plastikfrei
  • Kniepolstertaschen
  • Werkzeug-Taschen für diverse Utensilien
  • Robuster Stoff
  • cooler Schnitt, mega bequem, ohne Handwerkerfalte

Das mit den Taschen klingt erstmal OK. Leider wurde das über die Zeit sehr anspruchsvoll. Taschen für Handy, Zollstock, Gartenschere, Cutter, Edding, Bleistift etc.  Aber die Dinge dürfen nicht herausfallen, wenn Frau sich aktiv bewegt oder ins Auto einsteigt oder die Toilette aufsucht. Natürlich bedienungsfreundlich, wenn die Frau Arbeitshandschuhe an ihren schönen Händen hat. Und Kniepolster für die Gartenarbeit, oder die Baustelle. Können wir die Plastikdinger auch nachhaltig machen? Plastikfrei? Bequemer?

Das nächste Problem kam mit ihren Materialwünschen

Bitte kein Material, in dem einem im Sommer das Wasser die Beine herunterläuft. Aber im Winter sollte es trotzdem wärmend sein. Strapazierfähig ist Grundbedingung, Funktion vor Schönheit oder vielleicht doch gleichbedeutend. Kompostierbar für einen geschlossenen Kreislauf wäre nur zeitgemäß. Vegan?

Die Liste wurde länger und länger

Ich bin Maßschneiderin, Designerin, Entwicklerin, kann über meinen Tellerrand schauen.  Aber ich kann nicht zaubern. Leider. Das lerne ich im nächsten Leben.

Wir haben gesammelt, was unser Umfeld an Arbeitshosen benutzt. Am liebsten die alten, kaputten Hosen. Da sieht man die Schwachstellen am besten. Unser Aufruf war sehr erfolgreich, man glaubt kaum, was da alles ankommt. Frauen sammeln Schuhe, das ist bekannt. Aber warum sammeln Männer alte, zerschlissene Arbeitshosen? Wir haben die Hosen alle gecheckt, auf „Herz und Nieren“. Und alles, was wir und unsere Mit-Entwickler gut fanden, als Basis für unsere Modelle verwendet.

Dann also ran an die Entwicklung. Fragen, Zuhören und Umsetzen und Gestalten. Entwerfen, Recherchieren, Material suchen. Das Schwesterherz einspannen, damit sie bekommt, was sie sucht. Und großartig, nach vielen Jahren Unternehmensberatung hat sie zum Glück sehr erfinderische Wege bei der weltweiten Materialsuche. Prototypen gestalten, Handwerker und Gartenbauer befragen: Was sind eure Anforderungen und Wünsche bei der individuellen Arbeit? Und bitte kein typisches Fallgeräusch mehr, wenn der Inhalt der Zollstocktasche beim Einsteigen ins Auto auf den Boden kracht.

Diese verdammten Taschen

Ausprobieren, Verwerfen, viele Male ins Auto steigen oder auf einen Hocker. Zollstocktasche wieder abtrennen, versetzen und neu positionieren. Beine erst weiter, dann schmaler, Kniepolstertaschen durchdenken und optimieren, erst innen rein, sorry, da bleibt der Fuß drin stecken beim Anziehen, dann außen drauf, von oben beladen. Funktioniert leider auch nicht, da kommt zu viel Dreck in die Taschen beim Knien. Dann doch lieber von unten. Hose anziehen, checken, ausziehen und einmal neu bitte. Ich war gefühlt in der Endlosschleife. Bis wir zufrieden waren mit der Hose bei der Arbeit.

Taschen zu konzeptionieren mit dem Ergebnis, sie dann als unhandlich attestiert zu bekommen ist nicht schön. Aber wem hilft schon eine Tasche, die in der Benutzung nicht funktioniert? Was auf dem Papier schön aussieht, erweist sich nicht zwingend als praktisch. Hübsch reicht nicht immer. Uns nicht. Handy rein in die Tasche, Handschuhe an und mit eingeschränkter Feinmotorik das Ganze nochmal testen. So setzten wir Haken um Haken auf unserer Anforderungsliste.

Hosen überall, die Männer mussten mit ran

Hosen im Garten bei der Arbeit tragen, auf der Baustelle, zum Beton machen, Holzwerken, Brennholz machen, Bäume schneiden, Motorrad schrauben. Oh je, wie dreckig kann man seine Hose eigentlich noch machen? Und wie bekommt man die wieder sauber? 95°Wäsche ist nun nicht wirklich nachhaltig. Also 40° muss reichen und die Hose sollte nach der Wäsche gut aussehen. Wer will denn Arbeitshosen bügeln? Waschen, Trocknen, Anziehen ist der Wunsch. Kommt auf die Liste.

Und dann standen die Schreinermänner auf der Matte und wollten auch eine Hose, aus der kein Zollstock herausfällt, wenn man aus dem Auto aussteigt oder mit dem Rad unterwegs ist. Und der Bleistift sollte zu finden sein, wenn er schon kurz ist….  Wir starten mit der Passform für einen Männerkörper…. Einmal neu bitte, aber wieder bequem, lässig, cool…. Und tauglich für die Grillparty. Das kannten wir nun schon.

Wir finden, es hat sich gelohnt. Das viele Herumprobieren war zielführend. Wir sind richtig stolz auf das Ergebnis. 

Wir haben gelernt: Fragebogen zum Hosentest kann man sich sparen, wenn die Antwort ist: warum muss ich das ausfüllen, wenn es eh funktioniert? Muss man doch nicht extra hinschreiben.

Wir suchen robuste Stoffe aus Pflanzenfasern, auf der ganzen Welt.

Unser Hosenkonzept basiert auf den Anforderungen diverser Handwerksberufe und unserer Verantwortung für Natur, Umwelt und soziale Gerechtigkeit. Über allem steht ein marktreifes Produkt, was die Anforderungen unserer Kunden erfüllt, oder sogar übertrifft. Unsere Materialentscheidung fällt als auf eine Mischung aus Hanf und Baumwolle, ökologisch und nachhaltig produziert. Sozial fair gearbeitet in zertifizierten Produktionsstätten. Materialanbau, Verarbeitung und Produktion finden in einem einzigen Land statt. Kurze Wege.

Aktuell haben wir uns für China entschieden. Sie haben uns in allen Belangen mit Ihrem Knowhow und ihrer langjährigen Erfahrungen überzeugt. Und an dieser Stelle sagen wir gerne Danke für das Geschenk, zuverlässige Geschäftspartner gefunden zu haben. Partner in vielen Bereichen. 

Wir sind klein und ein Start Up. Jede Produktentwicklung kostet erst einmal Zeit und Geld, bis wirklich etwas vorwärts geht. Und alle Beteiligten in diesem Projekt müssen daran glauben. Es tut gut, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten. Wertschätzend und mit Freude, immer das Ziel vor Augen: eine Kollektion auf die Beine zu bringen. 

Ein weiteres Thema ist der Transport zu uns, der unsere CO² Bilanz schlechter dastehen lässt. Aber Baumwolle wächst nun mal nicht in Mitteleuropa. Der Hanf aus Asien hat eine andere Qualität. Wir haben sehr viele Stoffe weltweit angeschaut. Und diese Stoffqualität suchten wir vergebens in Ländern, die uns näher sind.

Unser Transportmittel der ersten Wahl ist die Bahn, soweit das möglich ist. Pandemiebedingt und weltpolitisch in Abhängigkeit von der aktuellen Situation.

Bemerkungen (1)

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  1. Roland sagt:

    Klasse Blogartikel! 🙂 Kann mir schon gut vorstellen, wie ihr beide das immer kühlen Kopfes das Ding ausgetüftelt habt… Jetzt freue ich mich auf meine Hose, die laut Conny in der nächsten Lieferung dabei sein soll. Ich drücke euch weiter die Daumen! Roland